Loslassen für Fortgeschrittene - vom Umgang mit Ungutem

Psychologie des Loslassens. Praxis für Psychotherpaie in Hannover Döhren. Liebeskummer, Trennungsschmerz, Burnout, Einsamkeit, ohne Liebe leben

Ich meine jetzt nicht Nikotin, Alkohol oder Zucker, sondern eine krankmachende Beziehung oder ein krankmachendes Arbeitsverhältnis. Damit beschäftige ich mich in meiner Praxis für Psychotherapie in Hannover-Döhren sehr oft und heute geht es darum, warum manche etwas Schlimmes nicht aufgeben können oder wollen.

 

Abhängigkeiten und Süchte verändern den Hirnstoffwechsel: obwohl du leidest, bist du high

 

Den Begriff "Sucht" benutzen Therapeuten heute offiziell zwar nicht mehr, aber im Alltagssprachgebrauch, finde ich, drückt er immernoch sehr gut aus, wie wir uns fühlen, wenn wir etwas nicht aufgeben können: wir empfinden solche Sehn"SUCHT" danach, dass wir lieber die Nachteile in Kauf nehmen als uns davon zu trennen.

 

Es geht hier jetzt nicht um harte Drogen, sondern um psychische Abhängigkeiten. Auch Computerspiele, Kaufräusche oder schnelles Autofahren können süchtig machen, ebenso Sex, Putzen oder Sport -  diese "substanz-ungebundenen Abhängigkeiten" oder Verhaltenssüchte können extrem belastend sein - für die Betroffenen und ihr Umfeld. Genau wie sogenannte abnorme Gewohnheiten, also Spielsucht, Zündeln oder Klauen, aber auf die gehe ich an anderer Stelle gerne einmal näher ein. Die sind heute nicht gemeint. Auch nicht Zwangstörungen, wie das ständige Kontrolieren von Lichtschaltern.

 

Solche Abhängigkeiten sind mit einer Veränderung des Hirnstoffwechsels verbunden und entziehen sich unserem "guten Willen". Mir geht es heute um genau das Gegenteil: ich möchte über die Verhaltensweisen reden, die wir durchaus beeinflussen können und die mit etwas gutem Willen oder einem "Ruck" veränderbar wären, zum Beispiel das ständige Kontrollieren von Partnern oder Kindern. Das kann man auch lassen. Und wenn der andere es nicht unterlässt, dann muss das Objekt der Kontrolle eben etwas dagegen tun. Kinder sind dem hilflos ausgeliefert, aber Erwachsene können sich dagegen wehren oder gehen. Warum tun sie es nicht?

 

Wenn du nur eine Kleinigkeit änderst, wird es dir und den anderen schon besser gehen

 

Manchmal ist es so, dass Menschen lieber in einem krankmachenden Klima verharren, das sie körperlich und seelisch verletzt oder langfristig sogar zerstören könnte, als diesem Schmerz endlich "Hau ab!" zu sagen - und um diese Art von Abhängigkeit geht es mir heute, wenn wir nach Sokrates Anleitung Kranke fragen sollen, ob sie wirklich bereit sind, alles aufzugeben, was sie krank macht. Komischerweise hängen viele an dem, was  ihnen nicht gut tut.

 

Manchmal dient die Streit-Energie als Lebenselexir

 

Es gibt viele Gründe, etwas nicht aufzugeben, das einen krank macht: Das mit der Sucht hatten wir gerade. Dann gibt es noch die Angst vor dem Unbekannten, die den Abschied so schwer macht. Oft ist aber auch noch der Ehrgeiz da, es doch noch irgendwie schaffen zu wollen, um nicht als Verlierer aus der Situation herauszugehen, aber irgendwann ist aber der Punkt überschritten , an dem noch etwas zu retten wäre. Oder: nach einem langem Kampf haben sie gar keine Kraft mehr, um das Ruder herumzuwerfen, sie steuern direkt auf das Ende zu in der vagen Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein Wunder geschieht.

 

Viel erstaunlicher aber ist es, wenn manche Menschen sich sogar erst richtig LEBENDIG fühlen, wenn sie aufgeputscht werden durch immer neue Kämpfe und neue Adrenalinschübe, die sie durch das krankmachende Verhalten auslösen. Dieses Phänomen trifft auf die Täter zu und auf die Opfer. Es sind quasi Sadisten und Masochisten, die nicht wissen, dass sie ein sonderbares Spiel ohne Safe-Word miteinander spielen: Toxische Beziehungen.

 

Den Sadisten in diesem unlustigen Spiel scheint es tatsächlich lieber zu sein, ständig Unruhe zu stiften, als gemütlich und stressfrei durch einen langweiligeren Alltag zu gehen. Sie scheinen eine Art Reibungsenergie zu brauchen, um sich wohlzufühlen. Dazu gehören diese Energievampire, die ihr Umfeld stetig reizen und sticheln, die unerklärliche Kapriolen vollziehen und es genießen, wenn sich alles um sie dreht. Ihr Umfeld, stets bedacht, Ruhe und Frieden zu erhalten, muss reagieren und gibt ihnen immer wieder etwas von seiner Lebensenergie ab. Wenn ein Mitmensch ausgelaugt wurde, kommt der nächste dran. Kennt Ihr solche Energievampire? Die ernähren sich vom Frust und der Verzweiflung ihrer Mitarbeiter, Freunde und Verwandten. Diese Personen sind aber nicht ausschließlich gemein oder böse, sie haben viele Facetten, sie können auch amüsant und großzügig sein, aber vor allem unberechenbar. Sie sind getrieben von der Angst vor Einsamkeit und es gibt alle Schweregrade: von der nervtötenden Tante bis hin zur terrorisierenden Schwiegermutter - und ja, meistens sind es Frauen, aber es gibt auch Männer, die sich überall einmischen und ständig dafür sorgen, dass sie das Auge des Zyklons sind.

 

Und es gibt auf der anderen Seite die Masochisten, auch in verschiedenen Abstufungen, die sich aus den Zwängen ihres Unglücks und Selbstmitleids ein stabiles Nest gebaut haben. Diese Personen fühlen sich in ihrer Opferrolle zwar nicht besonders behaglich, aber irgendwie zuhause - sie haben längst gelernt mit den Dornen zu leben - und dieser Typus des ewigen Opfers ernährt sich wiederum vom Mitleid, den vielen guten Ratschlägen und den ständigen Hilfsangeboten der Freunde und Verwandten. Diese Menschen wollen gar keine Veränderung, denn - so absurd es sich anhört -  sie jammern einfach gerne.

 

Manche funktionieren nur noch und heben sich das Leben für den Urlaub auf

 

Und dann gibt es die Gefangenen ihrer Illusionen. Liebeskummer und Trennungsschmerz fühlen sich für Betroffene oft genauso an wie ein Entzug, das habe ich ja bereits öfter dargelegt und da haben wir wieder den Zusammenhang mit den Süchten. Dieser Zustand ist unerträglich schmerzvoll und die eigene Würde bricht einen Limborekord nach dem anderen. Aber man will diesen Partner/diese Partnerin einfach nicht loslassen, obwohl er einen krank macht oder obwohl der oder sie sich längst nichts mehr von ihnen wissen will. So ähnlich kann es auch am Arbeitsplatz aussehen: Jeden Tag kommen neue Tiefschläge hinzu, die Frustration nimmt nur noch selten mal ab und nach einer Weile begnügt man sich mit dem Gefühl, das entsteht, wenn der Schmerz nachlässt und getragen von der Hoffnung, dass die Person, die an der sie so sehr hängen, sich endlich ändert.

 

Wenn das Illusionsgefängnis der Job ist, sind die Betroffenen nach einer Weile zu erschöpft, um abends oder am Wochenende noch großartig am sozialen Leben teilzunehmen, sie vegitieren oft nur noch dahin und am Sonntag Abend baut sich das Grauen wieder auf. Das ist der klassische Beginn eines Burnouts, bzw. einer Erschöpfungsdepression.

 

"Ich kann zwar nicht mehr, aber ich hab nix Besseres"

 

Jedes Mal, wenn sie den Blick auf morgen richten, verkrampfen sich wieder ihre Eingeweide - und trotzdem stellen sie den Wecker wieder rechtzeitig. Ab und zu lassen sie sich krankschreiben und anstatt zu genesen, haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ja "nicht richtig krank" ist, sondern nur mal wieder einmal nicht mehr können - und sie fühlen sich noch schlechter.

 

Ich neige auch vorsichtig zu der These, dass schlechte Behandlung über Jahre hinweg so eine Art Trotz-Triumph auslösen kann. Immer wieder neu von der Hoffnung getragen, dass sich doch noch etwas zu ihren Gunsten bessern wird, gehen sie jeden Tag wieder hin, sie liefern sich jeden Montag wieder einer qualvollen Arbeitswoche aus. Einfach aus Mangel an Alternativen. Sie finden keinen anderen Job, sie können nicht wegziehen, sie unterwerfen sich ihren Pflichten als Geldverdiener, als Väter, Mütter, Kinder, Schwester, Bruder; Freund, Freundin, Ehemann oder Ehefrau. Und in einigen Fällen scheint die pure Pflichterfüllung ihnen so eine Art Märyter-Kraft zu schenken, die sie weitermachen läßt.

 

Pflichtgefühl, Disziplin und Verantwortungsbewußtsein verleihen auch Kraft

 

Diese Menschen ernähren sich von dem Krümeln am Wegsesrand, sich richten sich an den kleinen Lichtblicken im Alltag immer wieder auf und schaffen es so von Tag zu Tag wieder durchzuhalten. Einige stellen bei genauem Hinsehen fest, dass ihr Leben gar nicht so freudlos ist und lernen, ihr kleines Glück zu schätzen. Andere befürchten, dass sie erkennen könnten, dass sie sich lebendig begraben haben lassen, wenn sie genauer hinsehen würden, also vermeiden sie es, über sich selbst nachzudenken. Die erkennt man an ihrem vollen Terminkalender, sie flüchten sich in Aktionismus.

 

In verschärfter Form können diese Zustände dem Stockholm-Syndrom ähneln, bei dem, grob vereinfacht gesagt, das Entführungsopfer dem Entführer so dankbar ist, dass er es am Leben erhält, dass jede Tat, die das Überleben verlängert, als Liebesbeweis missinterpretiert wird - und gleichzeitig möchte das Opfer die Liebe des Täters erheischen, um auch weiterhin am Leben zu bleiben. Nach einer Weile glaubt das Opfer, den Täter wirklich zu mögen und identifiziert sich später auch mit seinen Zielen.

 

Ich habe, wie Ihr seht, keine eindeutige, vor allem aber keine einfache Erklärung für die Weigerung, sich von etwas zu trennen, das einen krank macht, aber mir fällt oft auf, dass  zum Zeitpunkt der ersten Konsultation die meisten noch gar nicht genau wissen, was sie eigentlich genau krank macht. Der eigentliche Auslöser Ihrer Angst ist noch gar nicht identifiziert. Und es ist hart, sich aufzuraffen und in das dunkle Labyrinth hinabzusteigen und das Monster zu suchen, das einen das Fürchten lehrt. Aber widerwillig zitiere ich hier eine beliebte Floskel: "du musst dich deiner Angst stellen, um sie besiegen zu können". Das ist zwar extrem schwer, aber in dem Moment, in dem du den ersten Schritt tust, wird es schlagartig besser. Zwischendurch wird es Rückschläge und Verirrungen geben, aber am Ende dieses Prozesses wirst du deine Würde, deine Kraft und deine Lebensfreude wiederfinden.

 

Wie immer gilt: hier werden Klischees behandelt und selbstverständlich bestätigen viele prachtvolle Ausnahmen die Regel.

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