Erwachsene - Eure Eltern sind nicht Eure Freunde

und man sollte unangenehme Familienfeste fallen lassen

Wenn du deine Eltern sehr liebst, solltest du sie nicht zu deinen besten Freunden machen, denn das überfordert sie - und wenn du dich nicht mit ihnen verstehst, muss es nicht Feindschaft ausarten. Ich möchte heute über GELINGENDE Eltern-Kind-Beziehungen im Guten wie im Schlechten sprechen und es geht auch bei dieser Problematik wieder um die Rollen, die wir im Leben spielen  - denn wir spielen viele Rollen.

 

Wir spielen z.B. immer die Kinderrolle, auch wenn wir längst erwachsen sind. Aber manchmal gelingt es uns nicht, die übliche Transformation in die neue Rolle des erwachsenen Kindes zu schaffen, ohne peinlich zu sein. Wenn wir anfangen, unsere Eltern zu bevormunden, vollziehen wir einen Rollentausch, der nicht gelingen kann. Ihr werdet Euch niemals erfolgreich in des Leben Eurer Eltern einmischen, genausowenig, wie sie sich in Euer Leben einmischen sollten. Ich wundere mich, wieso Generationen das immer noch versuchen. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem das je geklappt hätte.

 

Grundsätzlich gilt: Deine Eltern lieben dich bedingungslos, nur können sie es nicht immer richtig ausdrücken.

 

Wenn wir ein besonders gutes Verhältnis zu unseren Eltern haben, kann das komischwerweise auch zu Konflikten führen. Verständnisvolle, großzügige und witzige Eltern können wirklich schwierig sein. Wir denken dann, sie seien unsere Freunde, aber das stimmt nicht. Eltern können niemals die Rolle deiner Freunde einnehmen, auch wenn sie noch so toll sind. Tu ihnen das besser nicht an. Es könnte auch passieren, dass sie dein freundschaftliches Verhalten so interpretieren, als könntest du noch nicht auf eigenen Beinen stehen, damit schreiben sie dir die Kinder-Kinderrolle zu, egal, wie alt du bist. Und solch ein Durcheinander fühlt sich nicht gut an.

 

Ihr solltet lernen, beides zu trennen, wenn Ihr ein zufriedenstellendes Social Life führen wollt. Unsere Eltern wollen (müssen?) die Elternrolle ausfüllen und wenn ihr ihnen eine andere Rolle zuschreibt, geraten sie in einen Konflikt. Eine absurde Situation, gerade, wenn Ihr Euch besonders gut versteht.

 

Tausch keine Geheimnisse mit deinen Eltern aus

 

Auch wenn du ihre Nähe und ihren Rat sehr schätzt, komm nicht in Versuchung, ihnen ALLES zu erzählen. Damit zwingst du ihnen die Rolle eines Freundes oder schlimmer, eines Therapeuten, Beichtvaters oder eines Bewährungshelfers (m/w/d) auf. Auf jeden Fall eine, der Eltern einfach nicht gerecht werden können, auch wenn sie sich das sogar zutrauen oder wünschen. Auch wenn Eltern gerne die Freunde ihrer Kinder wären, ist das zwar ein schönes Ansinnen, aber das klappt nur in den seltensten Fällen. Beide Seiten kämen wieder in einen Rollenkonflikt. Die Erwartungshaltung, die wir an Freunde haben, können weder Eltern noch Kinder erfüllen, also wären Enttäuschungen und Missverständnisse programmiert, die Ihr Euch sparen könnt, wenn Ihr diese Rollenänderung nicht vollzieht.

 

Welche Erwartungen sollte man denn an seine Verwandten haben?

 

Verabschiedet Euch auch von der Erwartungshaltung, dass Eure Eltern oder Kinder verantwortlich für Eure Lebensqualität sind. Ok, es gibt Ausnahmen, nämlich bis 18 und ab 80 Jahren - oder wann auch immer wir anfangen zu vergreisen, aber dazwischen solltet Ihr Euer Wohlbefinden nicht vom Segen Eurer Eltern abhängig machen. Da seid Ihr für Euch selbst verantwortlich und wenn Ihr das nicht fühlt, dann seid Ihr wohl auch noch nicht richtig erwachsen. "Erwachsen" heißt ja auch so viel wie "rausgewachsen" aus der elterlichen Obhut.

 

Rollenklischees geben Halt 

 

Eltern müssen Euch beschützen, maßregeln, erziehen, kritisieren, urteilen und strafen (diskussionswürdiges Extrathema) - mehr oder weniger Eurer Leben lang und wenn sie alt sind, dann fordern sie zusätzlich kommentarlose Mithilfe und Unterstützung. Das ist ihre Rolle. So sind Eltern.

 

Und deine Rolle ist es, dich als Kind damit zu arrangieren und dich als Erwachsene(r) davon zu distanzieren. Ganz einfach. Es gibt Probleme, wenn du dich als Kind nicht darauf einlassen kannst und es gibt Probleme, wenn du dich als Erwachsene(r) nicht davon abgrenzen kannst.

Dazwischen hat die Natur die Pubertät eingebaut, die unangenehme Transformation vom kleinen Kind zum erwachsenen Kind. Dieser Prozess ist schon schmerzhaft genug für beide Seiten, irgendwann muss sie vorbei sein und dann müsst Ihr Euch nun einmal mit der Distanz anfreunden, die zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern gesunderweise herrscht. Das ist kein Manko, sondern das soll so.

 

Lamentieren hilft nicht. Hast du es mal mit Humor versucht?

 

Rollen geben uns Halt. Deine Mutter ist immer deine Mutter und deine Oma ist immer deine Oma. Sie lieben Euch auf ihre eigene individuelle Weise, genau wie Eure Großväter und Väter. Aber sie sind nicht immer stark, fürsorglich, weise und großzügig. Gelegentlich können sie ihre eigene Rolle nicht perfekt ausfüllen, sie haben eben nicht immer genügend Kraft, um Euch angemessen in all Eurer Pracht zu würdigen. Das kannst du nicht erzwingen, dass sie ihre Rolle so auszufüllen, wie du es dir erträumst.

 

Es kommt vor, dass sie schwach oder fordernd sind und unbedingt Nähe und Hilfe von Euch erwarten und möglicherweise über Euch schimpfen, weil sie sich von Euch im Stich gelassen fühlen - oder sie überschütten Euch mit guten Ratschlägen, weil sie alles besser wissen. Das ist ganz normal. Nimm es nicht persönlich.

 

Leicht gesagt - wenn nicht von Eltern und Großeltern, von wem sollte man Kritik denn sonst persönlich nehmen? Ich verstehe diesen Einwand, aber es hat sich erwiesen, dass Familienbeziehungen viel besser gedeihen, wenn man seine Verwandten und ihre Kommentare nicht immer so ernst nimmt.

 

Eltern und Großeltern können sehr nervig sein und Ihr wollt es ihnen immer recht machen. Hört doch einfach mal auf damit. Stattdessen hat es sich bewährt, einen Schritt zurückzutreten und mit etwas mehr Humor und Augenzwinkern auf Familienverstrickungen zu blicken. Lass doch deine Leute sein, wie sie sind und versuche, die lustige Seite an Ekelonkel Alfred zu entdecken. Das gilt natürlich nur für die ganze Vielfalt an normalen und leicht gestörten Familienverhältnissen, nicht für toxische Beziehungen.

 

Ihr könnt es Euren Eltern nicht recht machen - Hauptsache Ihr seid glücklich

 

Versucht auf gar keinen Fall, Eure Eltern glücklich zu machen. Konzentriert Euch stattdessen voll und ganz darauf, Euch selbst glücklich zu machen.

 

Wie Ihr damit umgehen sollt, wenn Eure Eltern sich hartnäckig in Eure Leben einmischen? Ganz einfach: Ihr geht ihnen aus dem Weg und zieht Grenzen. Dazu müsst Ihr zunächst einmal selbst herausfinden, wo Eure Grenzen überhaupt sind.

 

Mir sind mehr Frauen bekannt als Männer, die nie gelernt haben, sich ihrer eigenen Integrität bewusst zu sein, geschweige denn, sie zu verteidigen. Und viele ihrer Verwandten haben nie gelernt, die Grenzen ihrer erwachsenen Kinder, Nichten, Neffen oder Enkel zu respektieren. Helft ihnen dabei, indem ihr sie freundlich darauf hinweist, dass ihr dieses oder jenes anders seht.

 

Übt doch einfach mal zu sagen: "Das sehe ich anders" oder "ich brauche Zeit für mich selbst" oder "Ich versuche Euch zu helfen, aber wir müssen einen Plan machen, an den sich beide Seiten halten" oder "Ich habe leider keine Zeit, bestell dir besser einen Handwerker" - oder so ähnlich.

 

Eltern und Großeltern müssen nervig sein - das ist ihre Rolle

 

Es kommt nicht darauf an, ob deine Eltern und Großeltern dem Rollenklischee entsprechen. Du kannst also eine Punk-Omi haben, die dich regelmäßig mit Gras versorgt und du kannst einen Vater haben, der dich ab und zu auch mal anpumpt oder eine Tante, die für deinen Mann schwärmt. Sie verhalten sich nicht so, wie es ihnen die gesellschaftlichen Normen vorschreiben, aber sie pfeifen drauf. Und das solltest du auch. Du kannst sie nicht in deine Wunschvorstellung eines Rollenklischees zwingen, also hör besser gleich auf, dir das zu wünschen.

 

In einer Verwandschaftsbeziehung gibt es kein Recht auf Kümmern, Versorgen, Beschützen. Das Einzige, worauf du ein Recht hast, ist, dass deine Eltern und natürlich auch Onkel, Tanten, Großeltern und Geschwister DIR NICHT SCHADEN.

 

Du kannst darauf bestehen und dieses Recht auf UNVERSEHRTHEIT jederzeit einfordern, bzw. sie darauf hinweisen, falls sie dir dennoch schaden, denn meistens merken sie es gar nicht. Oder sie meinen es gar nicht so. Wie gesagt, du musst sie zwar respektieren, so wie sie sind, aber du musst auch nicht alles was sie sagen, ernst nehmen.

 

Oder du entziehst dich. Sollten sie dir immer wieder zu nahe treten, dir schaden oder dich ausnutzen, dann darfst du dich entziehen und brauchst keinerlei schlechtes Gewissen zu haben. Aber bevor du dich entziehst, wäre es fair, wenn du sie einmal, zweimal oder dreimal freundlich und sachlich ansprichst, was dich stört - und dich nicht nur hinter ihrem Rücken aufregst.

 

Auch wenn man seine "Kindschaft" nicht beenden kann, kann man daran arbeiten oder den Kontakt einschlafen lassen

 

Der Unterschied zu Freunden ist, dass Freunde mehr oder weniger leicht aufhören können, Freunde zu sein. Verwandte aber hören niemals auf, mit dir verwandt zu sein. Du kannst deine Verwandtschaft zwar nicht beenden, aber du kannst einfach dein eigenes Leben weiterleben, ohne schlechtes Gewissen. Ganz einfach und ganz schwer zugleich. Bei der Ablösung besteht wiederum ein großer Unterschied zu Freundschaften, denn da lässt man den Kontakt einfach mal ein paar Jahre einschlafen, wenn man sich nichts zu erzählen hat. Bei Familienanghörigen ist das nicht so leicht.

 

Willst du dich von Verwandten lösen, könntest du ein Zwischenstadium einrichten, bei dem du dich für Familienfeiern ein paarmal im Jahr einfach zusammenreißt, zu allen freundlich bist und Smalltalk machst. Ein paar Stunden wirst du das schon aushalten. Gesellschaftliche Verpflichtung erfüllt. Fertig, aus. Problem gelöst.

 

Familienfeiern sind ein Problem

 

Solltest du das nicht aushalten, beendest du eine verwandschaftliche Stressbeziehung, indem du nicht mehr zu den verhassten Familienfeiern erscheinst. Du legst dir ein Potpurri an gesellschaftlich akzeptierten Entschuldigungen zurecht (Arbeit, Magen-Darm, anderweitige Einladung, Auslandsaufenthalt, Krankenbesuch) und nach einer Weile gewöhnen sie sich an deine Abwesenheit.

 

Du lernst, deine eigenen Feste mit deinen eigenen aktuellen Freunden zu feiern. Weihnachten fühlt sich ein paar Jahr lang komisch an, aber dann wirkt es wie Silvester: mal feierst du gar nicht, mal fröhlich, mal besinnlich, mal alleine, mal zu zweit, mal eine Riesenparty. Egal. Es ist nur ein Abend, den du mit der wichtigsten Person in deinem Leben verbringen solltest: mit dir selbst. Wer außerdem noch dabei sein darf, entscheidest kurz vorher. Sprich einfach Einladungen aus und wenn die anderen schon was anderes vorhaben, nimm auch das nicht persönlich: Sie haben nichts gegen dich, sondern nur eine andere Einladung - kein Grund, traurig zu sein!

 

Kleine Kinder kann man nicht ausladen - große schon

 

Wenn du aber selbst ein Elternteil bist, das mit dem anderen Elternteil nicht mehr zusammenlebt, dann lässt sich Weihnachtsproblem nicht so leicht lösen. Viele Ex-Paare teilen sich auf und das ist auch eine gute Methode. Ich persönlich plädiere ja dafür, Weihnachten abzuschaffen, in dem Jahr, in dem die das jüngste Kind nicht mehr zur Schule geht. Aber wenn das nicht möglich ist, muss man sich eben auf einen Kompromiss einigen und LOCKER BLEIBEN.

 

Bis man sich endgültig allen unangenehmen Familienfeiern entzieht, sollte man den nervigen Verwandten durchaus ein, zwei oder drei Chancen gegeben haben, sonst nagst du vielleicht mit Zweifeln an dieser Trennung.

 

Wenn du mit Familienproblemen nicht alleine zurecht kommst, dann kannst du dir Hilfe von Mediatoren und Therapeuten holen, die darauf spezialisiert sind.


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