Eine Affäre kann Ehen retten oder vom Nutzen der Eifersucht

Affäre verzeihen und die Liebe ist neu entfacht? Liebeskummer und Eifersucht können auch positive Effekta haben. Mehr dazu in der Praxis für Psychotherapie in Hannover-Döhren von Ariane Windhorst

Ein provokantes Zitat, ich gebe es zu - aber wenn sich nun jemand aufgefordert fühlt, fleißig fremdzugehen, muss ich ihn enttäuschen. Die Zitierte meinte das scherzhaft und außerdem steht da: EINE Affäre. Also.

 

Ich möchte heute nur noch einmal auf die sehr geschätzte Wissenschaftlerin Helen Fisher aufmerksam machen. Sie gab dem Spiegel im Jahr 2005 ein bemerkenswertes Interview und über die Sache mit der durchschnittlichen Haltbarkeit einer Liebe haben wir ja schon gesprochen (siehe Blogeintrag vom 06.Dez 2016).

 

Natürlich meinte sie das mit der Affäre scherzhaft. Aber die These die dahinter steht, möchte ich heute gerne einmal näher beleuchten: Wenn man also die Beziehung gelegentlich in Frage stellt und damit den Partner verunsichert, entfache dies seine Liebe neu und verstärke sie - obwohl oder gerade weil das bei ihm oder ihr zunächst zu starken negativen Gefühlen wie Neid und Wut führt. (Nicht gleich Hass, wie in dem obigen Zitat, das ist ein gern genommener Übersetzungsfehler, denn im Amerikanischen wird „hassen“ manchmal bereits verwendet, wenn jemand eine Müslisorte nicht mag). Also sprechen wir zunächst bitte erst einmal nur von "negativen Gefühlen", die mit der schädlichen Kraft der Eifersucht verbunden sind, was aber nicht heißt, dass Liebeskummer nicht in blanken Hass umschlagen kann, doch dazu später einmal an anderer Stelle.

 

Helen Fisher ist Anthropologin und kennt sich mit der menschlichen Natur ganz ausgezeichnet aus: Sie hat bei ihren Studien sinngemäß festgestellt, dass Partner, die sich zurückgesetzt fühlten, sich des Wertes ihrer Beziehung noch einmal deutlicher bewusst wurden und sich danach mehr Mühe gaben. Sie behauptet, dass der Liebes-Trieb stärker sei als der Sexualtrieb und dass dies ebenfalls evolutionäre Gründe hat: "Sie kämpfen um ihre genetische Zukunft".

 

Eifersucht kann die Beziehung beflügeln

 

Unser Hirn und Hormonsystem sei immer noch darauf programmiert zusammenzuhalten, weil es das für den Fortbestand der Sippe einfach das Beste ist: Einander treu zu bleiben verspricht den größtmöglichen Nutzen mit dem geringstmöglichen Aufwand. Daher entwickelte die Natur das Konzept der Liebe: um uns langfristig aneinander zu binden. "Tatsächlich habe ich lange gedacht, dass es die Natur bei der Liebe übertrieben hat. Inzwischen aber glaube ich, dass Verliebtsein entstanden ist, damit wir uns bei der Fortpflanzung auf einen Partner konzentrieren. Das spart Zeit und Energie", erklärt Helen Fisher. Deshalb will eine Frau ihren Ernährer und Beschützer behalten und ein Mann will seine Favoritin, die sich um seine wohlgeratenen Nachkommen kümmert, auf keinen Fall an einen anderen abgeben, denn erstens geraten die Nachkommen dadurch in Gefahr und zweitens würde es wieder extra Zeit und Energie kosten, neue Nachkommen. Und "sie waren vermutlich überfordert für mehrere Weibchen zu sorgen", sagt Helen Fisher. Kann man verstehen. Langfristig heißt aber nicht ewig. Irgendwann sind die Kinder groß und dann ist es evolutionär nicht mehr so wichtig, zusammenzubleiben.

 

Aus diesem Phänomen entstand wohl auch eine Tradition, die es in Indien geben soll: In einigen Gegenden gilt der Legende nach eine Ehe nach sieben Jahren als geschieden, wenn die Ehefrau ihren Ehemann in der Nacht vor dem Jubiläum nicht wieder annimmt - und jeder geht seiner Wege. Helen Fisher schlägt analog dazu eine Lizenz vor: "Was spricht beispielsweise gegen eine Art Hochzeitslizenz, eine Ehe auf Zeit mit automatischem Verfallsdatum? Dann würden viele auch härter an ihren Beziehungen arbeiten." Oder auch nicht. Nämlich dann, wenn man sich neu verliebt hat, eine neue Familie gründen will oder einander schlicht nicht mehr ertragen kann, dann kann es nach Ablauf der Lizenz einfach, schmerzlos und friedlich auseineinandergehen.

 

Das Phänomen des Verlassens und Im-Stich-lassens einer Familie mit kleinen Kindern kommt in diesem Theoriegebäude der Anthropologin nicht vor, weil es der Fortpflanzung schadet. Es ist also praktisch "unnatürlich". Oder wie seht Ihr das? Wenn man den Gedanken weiter denkt, dann ist die hohe Scheidungsrate eine soziale Konsequenz aus der Befreiung von Notwendigkeiten: wir verlassen einander, weil wir es können; wir gründen mehrere Familien, weil wir es können. Diese neue Freiheit, sich im 21. Jahrhundert ohne gesellschaftliche Ächtung komplett aus dem ursprünglichen Familien- und Rollenkonzept zu verabschieden, bezahlen viele Männer und Frauen aber mit großem psychischen Unbehagen und dem überwältigenden Gefühl des Scheiterns. Vielleicht ist dies eine Reminiszenz an unsere urtümliche Steinzeitnatur?

 

Spannungsmomente wie im Kino sorgen für Lebendigkeit

 

Das andere Faszinierende an Helen Fishers These ist meiner Meinung nach die förderliche Wirkung starker Gefühle. Eifersucht ist ein übler Mix aus Verlustangst, Liebeskummer, Neid und der Erschütterung der eigenen Identität, die sich als Teil eines Paares sah, fest verschweißt mit dem/der anderen - und daraus Selbstsicherheit schöpfte. Wir wissen aus der Kommunikationspsychologie, dass man sich an etwas besser erinnern kann, wenn man davon gefühlsmäßig stark berührt wurde: Das Gedächtnis stützt sich lieber auf emotionale Meilensteine als auf das sanfte Dahinfließen der Gefühle im Alltag. Daher erinnert man sich an die berauschende Anfangszeit und an die höllischen Qualen des Verlassenwerdens am besten und auch wenn man darüber hinwegkommt, kann man das nur sehr, sehr schwer vergessen.

 

Der Wert einer Beziehung wird also bei manchen Menschen höher eingestuft, wenn sie - wie in einem Theaterstück oder Spielfilm - in regelmäßigen Abständen mit anregenden oder gar aufregenden Spannungsmomenten versorgt werden. Manche Patienten erzählen mir in meiner Heilpraxis für Psychotherapie in Hannover, dass sie sich dabei trotz Krise und Tränen so richtig lebendig fühlten. Ich denke, das erklärt ganz gut, warum viele Paare sich trotz - oder vielleicht gerade wegen immer wiederkehrender, emotional aufwühlender Szenen nicht trennen. Die wollen das so. Sie finden das spannend.

 

Wertschätzung, Anerkennung und Respekt

 

Die andere Komponente, die Helen Fisher im obigen Zitat neckisch anklingen lässt, ist die Erkenntnis, den treuen Partner nicht für selbstverständlich im Leben zu halten, wie ein altes Möbelstück. Viele fühlen sich in einer Ehe geborgen, wissen es aber nicht zu schätzen, weil sie diesen schützenden Kokon der Partnerschaft für etwas halten, das ihnen zusteht. Schmeisst der Gedanke an eine Affäre des Partnes sie aus dieser Komfortzone, sehen sie ihr Arrangement plötzlich ganz anders: als etwas, für dessen Erhalt sie arbeiten und manchmal eben auch kämpfen müssen.

 

Erklärt vieles, oder? Das heißt nun aber nicht, dass Ihr fremdgehen sollt, um Eure Partner daran zu erinnern, wie lebenswert und vital Eure Beziehung ist. Es heißt nur, dass Ihr gelegentlich dieses Konstrukt mal auf den Prüfstand stellen könnt. Also fragt Euch mal: was ist super, was ist okay, was so lala und was möchten wir verändern...?

 

Führt dieses Gespräch regelmäßig, meine Empfehlung: Zum Hochzeitstag oder Kennenlerntag - und nicht erst, wenn eine Krise da ist. Macht ein Ritual daraus, auch wenn Euch das zunächst albern vorkommt.

 

Trotz alledem schadet eine Affäre grundsätzlich auch auf jeden Fall. Denn zu einer guten Beziehung gehört auch Vertrauen und eine Affäre kann das zerstören, bzw. zu einem endgültigen unreparierbaren Riss führen, der beide für immer trennen könnte, auch wenn sie zusammen bleiben sollten. Also Vorsicht!

 

Und weil Ihr sicher gleich fragt, was man macht, wenn es einmal passiert ist: Behaltet es für Euch und quält Euren Partner nicht mit einem Geständnis (Ihr sollt nicht lügen, sondern nur verheimlichen!) und wenn es doch rauskommt, tut der Betrogene gut daran, diesen Seitensprung zu verzeihen. Wie man das schafft? Das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

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